Das “Neuland” der sozialen Netzwerke

Dieser Artikel ist als Kloertext – Politiker und social media im Lëtzebuerger Journal vom 29. Juni 2013 erschienen.

Arbeitsminister Nicolas Schmit twittert, der Berichterstatter der Enquêtekommission Francois Bausch bloggt und CSV Präsident Michel Wolter dementiert via Facebook – die neuen Medien erleben einen Aufwind in der Staatskrise. Es herrschen hektische Zeiten im Großherzogtum, die Wege zu den traditionellen Medien sind oftmals länger als ein schnell-abgesetzter Tweet oder das Status-Update kurz vor Mitternacht. Soziale Netzwerke etablieren sind in dieser Staats- und Regierungskrise als Instrument persönlicher Kommunikation bis in die Chefetage – sogar Finanzminister Luc Frieden startete sein Twitter Profil mitten in den turbulenten Zeiten. Öffentliche Diskussionen zwischen Abgeordneten oder nächtliche Facebook Nachrichten des Präsidenten der Enquêtekommission zeigen PolitikerInnen als nahbare Menschen in Zeiten in denen Politik(er)verdrossenheit ein Allzeithoch erreicht.

Das gestiegene Interesse an sozialen Netzwerken zeigt allerdings auch die Unbedarftheit mit der sich die Neu-Netizens in dem „Neuland“ (um Frau Merkel zu zitieren) bewegen. Nur wenige PolitikerInnen scheinen sich im Vorfeld mit den Netzwerken auseinandergesetzt zu haben und missbrauchen die Instrumente als weitere Möglichkeit der Einwegkommunikation. Interaktivität – die große Stärke sozialer Netzwerke – kommt bei vielen PolitikerInnen noch zu kurz.

Dabei brauchen soziale Netzwerke ihre Relevanz nicht mehr unter Beweis zu stellen. Wenn tausende BenutzerInnen die Photomontage eines Pärchens mit den Gesichtern von Jean-Claude Juncker und Luc Frieden, die mit Schoßhund Lucien Lux spazieren gehen teilen, dann zeigt sich nicht nur die Kreativität in diesen Netzwerken, sondern auch die Dynamik, die ein solcher politischer Protest entwickeln kann. Diese neue Form der Meinungsäußerung stößt vor allem die PolitikerInnen vor den Kopf, die an ‘top-down’ Kommunikation mit ehrfürchtigem Abstand zwischen Wählern und Gewählten gewöhnt sind. So wurde in den letzten Wochen auf der offiziellen Facebook-Seite der CSV sehr viel mehr Arbeit in das systematische Löschen von kritischen Kommentaren gesteckt als in den direkten Dialog auf Augenhöhe mit den Benutzern der Seite.

Der kommende Wahlkampf (wann auch immer er denn kommen möge) wird zeigen ob PolitikerInnen den Grünen, Piraten und Jugendparteien das Feld in den sozialen Netzwerken überlassen wollen oder ob sie sich dazu hinreißen lassen können, die außergewöhnlichen Möglichkeiten des Dialogs dieser Instrumente anzunehmen. Der Vertrauensverlust in die Politik ist enorm – direkter, ehrlicher Kontakt zwischen gewählten VertreterInnen und dem Volk ist notwendig um das Vertrauen wieder aufzubauen. Ein Weg diese Kommunikation auf Augenhöhe herzustellen sind soziale Netzwerke.

Jerry Weyer

Jerry Weyer co-founded Clement & Weyer Digital Communication Consultants in 2014 and consults European institutions in Luxembourg on social media management. He studied European law at Université Robert Schuman in Strasbourg and at the London School of Economics and Political Science. He is a founding member of Pirate Party Luxembourg and former Co-Chairman of the Pirate Parties International (PPI).

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