“Näischt um Kapp & Näischt am Kapp – wie ich zum Nazi wurde”

Everything else

Diese Artikelserie ist entstanden, nachdem Sven Clement und ich unabhängig voneinander vom Autor der nächsten Zeilen kontaktiert wurden. Das Resultat ist ein zweiteiliger Text eines “Austeigers” über seine Erfahrungen in der luxemburgischen Nazi-Szene, sowie ein Interview in der online-Ausgabe der deutschen Ausgabe des ‘L’Essentiel’.

Ich war ein Neonazi

Ein einfacher Satz, der absolut der Wahrheit entspricht, und trotzdem habe ich ihn noch nie laut ausgesprochen. Jedoch habe ich den Beschluss gefasst mein Schweigen wenigstens schriftlich zu brechen. Wenn ich durch das Teilen meiner Erfahrungen auch nur einen Menschen davor bewahren kann, in die rechte Szene abzurutschen, oder jemanden dazu bewegen kann auszusteigen hat sich all das hier gelohnt. Und selbst wenn nicht, wurden vielleicht ein paar Menschen wachgerüttelt, und darauf aufmerksam gemacht, dass selbst Luxemburg, trotz seiner oft gelobten multikulturellen Gesellschaft, ein Problem mit Ausländerfeindlichkeit und Rassismus hat.

Wie ich zum Nazi wurde

Als ich ins Lyzeum kam, war das eine riesige Umstellung für mich, von einem Moment zum anderen war ich nicht mehr in der ganzen Schule bekannt als Klassenclown, nicht mehr einer der ältesten in der Schule, niemand kannte mich, niemand interessierte sich für mich. Als mich einer der Mitschüler ansprach, ich wäre seinem älteren Bruder aufgefallen, und der hätte ihm eine CD mitgegeben, die mich bestimmt interessieren würde, fand ich das schon cool.

Der Mix aus Punkliedern über Sex (Die Kassierer – Im Wagen vor mir) und Rock/Pop-Liedern gegen Ausländer, sprachen genau meinen pubertären Humor und meine Ablehnung darauf, überall Französisch reden zu müssen, an. Ob dies durchgeplant oder einfach nur eine zufällige Aktion war, weiß ich nicht, aber diese Taktik scheint mehr oder weniger erfolgreich zu sein, wie die Schulhof-CD der NPD zeigt. Eines kam zum anderen, ich kam ins Gespräch mit dem Bruder von meinem Mitschüler und dessen Kollegen, welche mich wiederum anderen Leuten vorstellten, und auch weiter mit gebrannten CD’s von rechtsradikalen Bands versorgten, bzw. ich lud sie selber aus dem Netz runter, und verteilte sie, um mir so ihren Respekt zu gewinnen.

Desto mehr es sich herumsprach mit wem ich rumhing, und „wer ich war“, desto mehr bekam ich so den Angst-Respekt meiner Mitschüler, auf dem Flur machte man mir Platz, wollte mir nicht im Weg stehen. Dies war schon etwas was mir sehr gefiel, und auch Leute mit denen ich mich gut verstand, und welche nicht zur Szene gehörten nutzten dies aus, indem sie mich mitbrachten falls Streit gab, denn wer mich an seiner Seite hatte, bekam nicht so schnell Ärger. So genoss ich auch eine gewisse Beliebtheit bei anderen Leuten, welche nicht meine Gesinnung teilten. Auch bei den Mädchen in der Pubertät kam das Image eines Bad-Boys, und wer ist böser als ein Skinhead, recht gut an, und es gab genug Mädchen die mit uns rumhingen, die teils unsere Überzeugungen teilten oder nicht. Sogar bei völlig Fremden auf der Straße überwiegten die, von mir als positiv empfunden, Reaktion die ich alleine durch mein Auftreten als Skinhead, hervorrief.

Nach und nach rutschte ich so über die nächsten Jahre in die rechte Szene rein, bis ich selber ein fester Bestandteil davon war. Der Umgang mit diesen Leuten, das hören der Musik, die „Informationsquellen“ aus dem Internet, formten so nach und nach meine politischen Ansichten, mein Benehmen und meinen Kleidungsstil.

Wie es war ein Nazi zu sein

Wie schon beschrieben, wurde ich durch meinen Wandel zum Skinhead wieder von einem Niemand zu jemanden den man kannte, den man respektierte. Aber auch die Kameradschaft untereinander, war es was mich damals begeisterte. Jeder war für jeden da, man schwor sich zusammenzuhalten, man war eine „Familie“.

So oder so ähnlich muss es wohl auch Leuten gehen die in einer (Motorrad-)Gang sind, man ist fasziniert Teil von etwas zu sein, wo nicht jeder mitmachen darf, etwas besseres zu sein. Natürlich, war das Image eines Rebell, was man sich selbst gab, cool, es half mir über die Anfeindungen hinweg, die mir doch teilweise entgegen schwappten. Man traf sich in den Pausen, an den Wochenenden, machte zusammen Party, teilte eine feste Überzeugungen, als einzige die Wahrheit zu kennen, das Richtige zu tun.

Ich müsste Lügen, wenn ich behaupten würden es hätte mir damals nicht gefallen, und selbst jetzt habe ich noch viele positive Erinnerungen an diese Zeit. (Auch wenn mir jetzt bewusst ist was für ein Idiot ich damals war).

…der zweite Teil des Artikels ist auf sven.lu zu lesen: “Näischt um Kapp & Näischt am Kapp – Wen ich alles kennenlernte“.

Auf L’Essentiel gibt es ein Interview mit dem Aussteiger :  «Stammtischrassismus ist weit verbreitet»

Der Text wurde bewusst nicht in seiner Form und Schreibweise verändert. 

Jerry Weyer

Jerry Weyer co-founded Clement & Weyer Digital Communication Consultants in 2014 and consults European institutions in Luxembourg on social media management. He studied European law at Université Robert Schuman in Strasbourg and at the London School of Economics and Political Science. He is a founding member of Pirate Party Luxembourg and former Co-Chairman of the Pirate Parties International (PPI).

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *