Tsü: Reich wirst du woanders

Social media
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Neben Ello startete vor kurzem ein weiteres soziales Netzwerk: Tsü. Übersieht man das grell-turquoise Farbschema ist Tzü ein typischer Facebook-Clon: hier die Timeline, da die Friends, ich kann liken, sharen und kommentieren. Das neue an Tsü: BenutzerInnen werden für ihre Aktivität bezahlt! Endlich die Möglichkeit sich die Hunderten von Stunden, die wir auf sozialen Netzwerken verbringen, bezahlen zu lassen? Nicht ganz… 

Der erste Eindruck ist positiv: die Registrierung verlief ohne Komplikationen, erste Freunde haben sich gefunden, das Veröffentlichen, Liken und Diskutieren von Beiträgen ist einfach – vor allem, weil die Benutzeroberfläche von Tsü der von Facebook sehr nahe kommt. Ein kleiner Unterschied ist, dass wir Updates einen Titel verpassen können – der Mehrwert eines solchen Posts ergibt sich mir bis jetzt jedoch nicht (der Titel wird nur in fett hervorgehoben). Sehr schnell fällt jedoch der “Bank”-Button auf, und hier will Tsü sich von Facebook abheben.

Geld-Elite

Tsü vermarktet sich im Unterschied zu Facebook mit dem Anspruch, dass die BenutzerInnen im Besitz ihrer Inhalte bleiben. Im Gegensatz zu Ello wird die Plattform Werbung anbieten, allerdings fließen 90% der Einnahmen zurück an die BenutzerInnen der Plattform. Die (nicht ganz neue) Idee: wer viel, hochwertigen Inhalt produziert, verdient mit an den Werbeeinnahmen, die sich daraus generieren. Mit dieser Prämisse hat Tsü ein Kapital von 7 Millionen $ an Kapitalvorschuss erhalten.

In meiner virtuellen Tsü-Bank kann ich meinen Kontostand abrufen. Die Karriere als professioneller Tsüler wird jedoch noch auf sich warten lassen müssen:

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In knapp einem Monat habe ich 0,08$ verdient, bei 17 Freunden, 23 Follower, 686 Views meiner Posts, 20 Likes und 10 Kommentaren. Sehr aktiv war ich nicht, und trotzdem: die meisten BenutzerInnen werden eher früher als später die Lust an Tsü verlieren, wenn sie nur zum Geldverdienen auf der Plattform unterwegs sind. Auszahlen lässt sich nämlich vorerst nur bei 100$ angesammeltem Vermögen, ausgestellt per Scheck. Viel-Poster und geduldige BenutzerInnen können wohl ein paar Dollar zusammen-posten, für den Normalbenutzer ist das Bezahl-System aber wenig interessant.

Familien-Imperium

Der für mich interessanteste Aspekt vun Tsü ist der “Stammbaum” (Family Tree). Über eine Einladung kann jede BenutzerIn seine Freunde auf die neue Plattfom lenken – diese BenutzerInnen werden dann als “Kinder” (Children) in einem Stammbaum angezeigt. Diese können dann jeweils weitere Personen einladen, die als “Nachkommenschaft” (Descendance) für mich einsichtbar sind.

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Doch nicht nur das: laut Tsü FAQ verdiene ich anteilig an den Gewinnen von meinen “Kindern” und “Enkeln”. Die Entwickler nennen es ‘shared Economics’. Es wird sich zeigen, ob das System einigen wenigen Personen am Gipfel der Pyramide zugute kommt, oder ob auch die restlichen BenutzerInnen von Tsü von dieser Familienordnung profitieren können. Es ist jedenfalls wichtig, sich nicht zu viele Illusionen zu machen: auch mit dieser Struktur werden nur die wenigsten wirklich viel Geld mit Tsü verdienen.

Obwohl “Familie” im direkten Gegensatz zur allgemeinen Ausrichtung “ich benutze Tsü um Geld zu verdienen” steht, ist der Ansatz interessant: ich kann mir einige Gamification Elemente in dieser Hinsicht vorstellen (z.B. Freunde “adoptieren”) oder Möglichkeiten den Newsfeed zu filtern, ähnlich der Google+ Circles (z.B. zeige nur Beiträge der Children). Ich habe mich jedenfalls öfters dabei erwischt zu sprüfen, ob ich neue “Kinder” habe, wie ich auf den aktuellen Kontostand geblickt habe.

Es ist schwierig nach einem Monat vorauszusagen, ob Tsü in Zukunft Erfolg haben wird. Viel hängt davon ab, wie das Netzwerk mit Spammern umgehen wird – schon jetzt gibt es Probleme mit Benutzern, die zu aggressiv um Likes, Shares und Kommentare betteln.1 Für Vermarkter ist eine ungefilterte Timeline (im Gegensatz zu Facebook) zwar theoretisch interessant2, die geringe Anzahl an BenutzerInnen grenzt das Zielpublikum jedoch erstmals auf die üblichen social Media Experimentierer ein.

Der Anreitz, Geld mit seinen social Media Updates zu verdienen wird weiter BenutzerInnen zu Tsü locken – ob diese Benutzer jedoch auch nach der Enttäuschung, dass sie nicht durchs Posten reich werden, noch weiterhin die Plattform benutzen werden wird davon abhängen, ob Tsü neben den monetären, auch die sozialen Aspekte (z.B. den Stammbaum) weiter ausbauen wird.

Wer in Luxemburg ansässige BenutzerInnen auf Tsü sucht, der kann sich unter dem Hashtag #TsuLuxembourgFollow umkucken oder auf der Seite TSULUX (die Seiten sind  nur nach Registrierung sichtbar).

Tsü ist ‘invite only‘ – wer sich registrieren will braucht eine Einladung. Probieren könnt ihr Tsü über diesen Link:3

Mein Profil auf Tsü

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  1. Die FAQ musste sogar mit einer Drohung für Spammer angepasst werden.
  2. Trotz dem Fehlen von Firmenprofilen (Pages).
  3. Registriert ihr euch über diesen Link werde ich an euren Einnahmen beteiligt.

Jerry Weyer

Jerry Weyer co-founded Clement & Weyer Digital Communication Consultants in 2014 and consults European institutions in Luxembourg on social media management. He studied European law at Université Robert Schuman in Strasbourg and at the London School of Economics and Political Science. He is a founding member of Pirate Party Luxembourg and former Co-Chairman of the Pirate Parties International (PPI).

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